Road to Bachelor | »Automatisiertes Handeln«
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Automatisiertes Handeln

 

Der Mensch lernt sein ganzes Leben lang. Zuerst das Sprechen und Laufen, später auch soziales Verhalten. Weiterhin ist er in der Lage, komplexe Bewegungsabläufe, wie sie beispielsweise beim Sport ausgeführt werden, zu erlernen und wenn benötigt abzurufen.

Sich an erlerntem Verhalten zu bedienen fällt dem Menschen leichter, als neue Pfade zu erschließen: meistens wählen wir den Weg des geringsten Widerstands. Es befähigt auch, schneller wahrzunehmen und zu reagieren. So ist es kein Wunder, dass die Bedienung von einem Interface demjenigen um ein vielfaches leichter fällt, der sich oft mit selbigem auseinandersetzt. Diese technologischen Schnittstellen, wie zum Beispiel die Nutzeroberfläche eines modernen Mobiltelefons, streben im Optimalfall ja auch die Benutzerfreundlichkeit an und bieten dem Bediener in der Regel ein immer gleich bleibendes Angebot an Handlungsmöglichkeiten. Wer diese verinnerlicht hat, kennt alle Wege und ihre Ziele und muss kaum kognitive Leistung erbringen, um sich treffsicher zu navigieren. Diese durch das ständige Wiederholen erlernten Verhaltensmuster möchte ich fortan mit dem Begriff »Automatisiertes Handeln« beschreiben.

 

(Angelehnt an den von Pierre Janet geprägten Begriff des Psychischen Automatismus. Dieser wird als »Spontane, aber gewöhnlich geordnete und in sich folgerichtige Handlung, die ohne bewusste Steuerung abläuft.« definiert.)

 

Automatisiertes Handeln kommt überall dort zum Einsatz, wo der Mensch sich den immer wiederkehrenden Aufgaben des Lebens stellt. Nicht nur beim Arbeiten mit Interfaces, auch die Handgriffe eines Kochs ins Gewürzregal oder das Parken mit dem eigenen Auto in der Garage führt zur Bildung angelernter Automatismen. Das aus einer Situation Gelernte lässt sich weiterhin auf ähnliche Szenarien übertragen. Kombiniert mit emotionaler Intelligenz verhilft diese Adaption dem Menschen, schnell rationale Entscheidungen zu treffen. So kann zum Beispiel ein völlig unbekanntes Interface – bereits vor dem ersten Kontakt mit seinem Benutzer – von diesem zum Großteil einfach bedient werden, wenn die Person genug Vorwissen im Umgang mit Benutzeroberflächen aufweist. So passiert es zahlreichen Internet-affinen Personen täglich: Ob man sich durch einen neuen Online-Shop navigiert oder die kürzlich heruntergeladene Fahrplan-App für eine fremde Stadt einsetzt – die Usability bleibt nicht zuletzt durch das Vorwissen der Nutzer bestehen, die Navigation funktioniert oft völlig problemlos. Fehlendes Wissen kann weiterhin durch klassisches »Trial and Error« – Versuch und Irrtum – ergänzt werden, sodass binnen kürzester Zeit ein neuer Automatismus für jedes Interface entsteht.

 

 

Automatisiertes Handeln im Bezug auf die Black Box

 

Das automatisierte Handeln einer Person erweckt den Eindruck, deren Aktionen wären vom Geiste befreit. Dabei kann man teilweise schon vom sogenannten »Flow« sprechen, einem harmonischen Zustand von völliger Vertiefung, wie ihn zum Beispiel Musiker, Künstler oder Sportler wahrnehmen. Zu Flow-Erlebnissen wird es bei der Bedienung von Websites und anderen Interfaces wohl kaum kommen, weil diese primär zur Kommunikation und Bedienbarkeit entwickelt werden und höchstens deren Inhalte ausreichend Substanz für eine solche Vertiefung aufweisen. Stellt man dem Benutzer jedoch gewisse Hilfsmittel zur Verfügung, könnte eine Versunkenheit, wie sie beim Flow vorkommt, meiner Meinung nach zustandekommen. Hier kommt die Black Box ins Spiel. Sie soll dem Betrachter ermöglichen, seine teilweise automatisierten Handlungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu erfassen: Zuerst nimmt man sich selbst im Spiegel wahr, man kann jede seiner Bewegungen beobachten. Als zweites kommen die Daten hinzu, die man als Nutzer von Websites beim Bedienen generiert. Diese werden mittels Processing-Code visualisiert und an die Innenwände der Black Box projiziert. Durch beide dieser alternativen Perspektiven wird die Selbstreflexion für den Betrachter hoffentlich um ein vielfaches vereinfacht, sodass sich diesem neue Wege für seine Aktionen auftun und sich im Bestfall ein flowähnlicher Zustand einstellt. Automatisiertes Handeln wird zunächst aufgebrochen, der Benutzer zum Umdenken eingeladen und neue Verhaltensmuster können entstehen.

 


1 Vergleiche: Pierre Janet – Psychischer Automatismus

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